„Wissen“ in der Ernährungsberatung

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„Wissen“ in der Ernährungsberatung

In Kürze

Faktenwissen ist Wissen, das allen zugänglich ist, persönliches Wissen ist Wissen über die eigene Person, das man nur durch Erfahrung erlangen kann. Letzteres kann durch das psychologische Phänomen der Dissonanzauflösung beeinflusst werden. Wenn man dieses Phänomen berücksichtigt und ehrlich zu sich selbst ist, kann persönliches Wissen bei der Umsetzung von Ernährungszielen unterstützend wirken.

Gilt eine Überzeugung als wahr und gerechtfertigt, so würde man traditionell von Wissen sprechen. Ob wir Menschen tatsächlich sicheres Wissen besitzen können, ist eine philosophische Frage. Im Alltag bezeichnen wir aber sehr häufig Überzeugungen, die auf wissenschaftlich korrekt erhobenen Daten basieren, als Wissen. Dies gilt so auch für die Ernährungswissenschaften.

a) Jemand, der die Überzeugung hat, dass Honig u.a. aus Glucose- und Fructosemolekülen besteht, glaubt dies nicht nur – wir würden sagen: Er weiß, dass dies so ist.

b) Jemand, der die Überzeugung hat, dass eine starke Kalorienrestriktion beim Menschen zum raschen Verlust von Körperfett führt, weiß um diese Tatsache.

Beide Überzeugungen lassen sich nämlich durch eine lebensmitteltechnische bzw. experimentelle Studie rechtfertigen. Beide Überzeugungen kann ich ebenfalls im Rahmen einer Ernährungsberatung anführen. Dabei handelt es sich um eine Form von Faktenwissen, das jedem Menschen potentiell zugänglich ist (wenn es denn verständlich ausgedrückt wird). Ohne Zweifel ist Faktenwissen, wie z.B. das Wissen um die konkrete Zusammensetzung von Lebensmitteln, ihre Wirkung auf den menschlichen Körper, oder die Art und Weise der Nahrungsaufnahme, enorm wichtig für eine gesunde Ernährung. Dieses Wissen bietet die Grundlage zur Bewertung und Veränderung der eigenen Ernährung – an was sonst sollte man sich orientieren?

Nicht minder wichtig ist allerdings eine weitere Form des Wissens, die ich hier „persönliches Wissen“ nennen möchte.

b‘) Eine starke Kalorienrestriktion führt bei mir zum raschen Verlust von Körperfett. 

Diese Überzeugung ist bewusst in der Ich-Form ausgedrückt, da es hier um das Wissen des Sprechers über sich selbst geht (sehr wahrscheinlich wüsste auch ein sehr genauer Beobachter des Sprechers um diese Tatsache). Der Sprecher hat dieses Wissen durch die eigene (im besten Fall wiederholte) Erfahrung gewonnen und kann somit gerechtfertigterweise sagen, dass er weiß, dass b‘) stimmt. Genau so gut kann es aber sein, dass ein anderer Mensch Folgendes über sich weiß:

b“) Eine starke Kalorienrestriktion führt bei mir nicht zum raschen Verlust von Körperfett. 

Wie kann es sein, dass sich b) und b“) ganz offensichtlich widersprechen, wenn nach b) doch beim Menschen eine Kalorienrestriktion zum Verlust von Körperfett führt?! Dieser Widerspruch besteht natürlich nur scheinbar, denn bei diesem Menschen kann z.B. ein psychologischer Mechanismus wie beispielsweise Heißhungerattacken, die durch die Kalorienrestriktion entstehen, dazu führen, dass er de facto keine Kalorienrestriktion mehr durchführt – und somit auch kein Körperfett verliert. Nichtsdestotrotz ist die Überzeugung b“) für ihn sinnvoll und richtig, da eine starke Kalorienrestriktion als Diätform bei ihm nicht funktionieren würde. Es ist also sehr wichtig, dass man seinen Körper genau beobachtet, und, wenn man denn seine Ernährung verändern oder umstellen möchte, sehr sorgfältig Studienergebnisse, d.h. Faktenwissen, und persönliches Wissen abwägt und vergleicht. Nur auf diese Weise ist es möglich, diejenigen Ergebnisse zu erzielen, die man sich für sich wünscht.

Ganz so leicht ist diese Aufgabe allerdings nicht, denn bei diesem Vorgehen lauert ein oft unbemerkt bleibender Fehler: Das psychologische Phänomen der Dissonanzauflösung (oder Dissonanzreduktion).

Wir Menschen neigen dazu, kognitiven oder emotionalen Konflikten dadurch auszuweichen, indem wir uns die Welt machen, „wie sie uns gefällt“. Stellen wir uns einmal folgenden Fall vor: Der Sprecher im Fall b“) könnte versucht haben, abzunehmen, ist dadurch aber auf die Schwierigkeit der Heißhungerattacken gestoßen und konnte seine Diät nicht durchhalten. Sich dies einzugestehen, ist natürlich unangenehm, und gefährdet sein Selbstkonzept einer stabilen, kontrollierten und rationalen Person. Er erlebt das Phänomen der kognitiven Dissonanz. Für ihn ist es in dieser Situation weitaus leichter, die wissenschaftliche Aussage als unwahr, bzw. ungültig für ihn selbst darzustellen. Er lebt leichter mit der Vorstellung, dass sich die Wissenschaftler offenbar geirrt haben und das Prinzip für ihn nicht gilt („Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.“). Er schafft sich mit dieser Überzeugung eine Dissonanzauflösung.

Im Alltag bemerken wir sehr häufig nicht, dass auch wir dieser psychologischen Triebkraft unterliegen. Man wollte ja eigentlich die Bioäpfel kaufen, aber jetzt ist ja doch schon wieder Monatsende, und das Geld ist doch zu knapp. Man wollte ja eigentlich abnehmen, aber das Stück Schokotorte hilft ja schließlich auch, die Gelüste in Schach zu halten. Und die Wissenschaftler sagen ja sowieso jeden Tag etwas anderes!

Persönliches Wissen darf also nicht einfach auf flüchtigen Beobachtungen fundiert werden, damit es möglichst nicht dissonanzauflösenden Überzeugungen entspringt. Stattdessen sollten, bevor man derlei Wissensaussagen über sich selbst trifft – die ja durchaus wichtig sind! – mögliche Alternativtheorien für bestimmte Entwicklungen sorgfältig ausgeschlossen werden. Auch hierbei kann Faktenwissen wiederum helfen. Optimalerweise hätte der Sprecher also für sich das persönliche Wissen formuliert:

b“‘) Eine starke Kalorienrestriktion führt bei mir zu Heißhungerattacken, die eine Gewichtsreduktion unmöglich machen. Bei mir führt eine moderate Kalorienrestriktion immerhin zum langsamen Verlust von Körperfett. 

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Habt ihr bei euch schon dabei ertappt, wie ihr das Instrument der Dissonanzauflösung angewendet habt? Habt ihr persönliches Wissen über euch, das euch Ernährungszielen weitergebracht hat? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Alimonia

2017-09-06T18:20:38+00:00 24 August 2015|Ernährungsberatung, Psychologie|0 Comments

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