Ein weiteres verbreitetes Vorurteil neben dem, dass Soja Brustkrebs verursache, ist die Annahme, dass Soja die Schilddrüse schädige. Genauer gesagt, die in den Sojabohnen enthaltenen Isoflavone sollen einen so genannten goitrogenen Effekt haben, d.h. sie sollen die Aufnahme von Jod in die Schilddrüse behindern und/oder bestimmte Enzyme hemmen, die Schilddrüsenhormone herstellen. Da die Schilddrüse für die Produktion der Schilddrüsenhormone T3 und T4 (Trijodthyronin, Thyroxin) Jod benötigt, kommt es somit bei Fehlen dieses Elements und/oder verminderter Hormonproduktion langfristig zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), und damit zu folgenden Symptomen:

  • Antriebsarmut, Verlangsamung
  • Kälteintoleranz
  • Gewichtszunahme
  • Verstopfung
  • Langsamer Herzschlag
  • Brüchige Haare, trockene Haut, Hautschwellungen

Basierend auf diesen Symptomen wird Soja häufig bezichtigt, „den Stoffwechsel kaputt zu machen“. Aber trifft das überhaupt zu?

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Ist Soja ein Goitrogen?

Klare Antwort: Ja. Bevor nun aber alle Sojaprodukte aus ihrer Ernährung verbannen, gilt es folgende Punkte zu beachten:

  1. Sehr viele weitere Lebensmittel wirken ebenfalls goitrogen ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken, ohne dass sie sich wesentlich auf unsere Schilddrüsenfunktion auswirken, ohne dass empfohlen wird, sie aus der Ernährung zu streichen. Welche das sind, dazu unten mehr.
  2. Sehr viele Personengruppen (Menschen mit asiatischem Hintergrund, Veganer, …) verzehren täglich Sojaprodukte und zusätzlich viele weitere goitrogene Lebensmittel. Und Asiaten sind nun nicht gerade dafür bekannt, dass sie ein hohes Körpergewicht bedingt durch eine Schilddrüsenunterfunktion haben.
  3. Soja kann kaum schädliche Effekte auf die Schilddrüse haben, wenn im Körper genügend Jod vorhanden ist. Eine Ernährung, durch die genug Jod aufgenommen wird, schützt also vor einer Schilddrüsenunterfunktion. Dies wird auch durch die wissenschaftliche Beweislage unterstützt.

Zu 1)

Folgende Lebensmittel besitzen ebenfalls goitrogene Wirkungen:
Erdbeeren, Birnen, Pfirsiche, Spinat1)GREER, M. A. (1957): Goitrogenic substances in food. In: The American journal of clinical nutrition 5 (4), S. 440–444., Hirse2)Gaitan, E.; Lindsay, R. H.; Reichert, R. D.; Ingbar, S. H.; Cooksey, R. C.; Legan, J. et al. (1989): Antithyroid and goitrogenic effects of millet: role of C-glycosylflavones. In: The Journal of clinical endocrinology and metabolism 68 (4), S. 707–714. DOI: 10.1210/jcem-68-4-707., Bambussprossen3)Chandra, Amar K.; Ghosh, Dishari; Mukhopadhyay, Sanjukta; Tripathy, Smritiratan (2004): Effect of bamboo shoot, Bambusa arundinacea (Retz.) Willd. on thyroid status under conditions of varying iodine intake in rats. In: Indian journal of experimental biology 42 (8), S. 781–786.alle Gemüsesorten der Variante Brassica4)Hanschen, Franziska S.; Lamy, Evelyn; Schreiner, Monika; Rohn, Sascha (2014): Reactivity and stability of glucosinolates and their breakdown products in foods. In: Angewandte Chemie (International ed. in English) 53 (43), S. 11430–11450. DOI: 10.1002/anie.201402639., d.h. z.B. Brokkoli, Blumenkohl, Kohlrabi, Rucola, Senf, uvm.

Die meisten von uns verzehren regelmäßig mindestens eines dieser Lebensmittel. Warum also auf Soja verzichten, wenn all diese Lebensmittel doch offensichtlich gut vertragen werden?

Zu 2)

Veganer und Menschen mit einer asiatisch geprägten Ernährungsweise essen häufig auch sehr viele der oben genannten Lebensmittel, nämlich täglich Sojaprodukte, Spinat, Bambussprossen und sehr viele Kohlsorten. Dennoch sind nur 3,6% der Japaner z.B. adipös (im Vergleich zu 32% der US-Amerikaner)5)https://ideas.repec.org/p/ags/umrfwp/14321.html; abgerufen am 08.02.2016, und über ein vermehrtes Vorkommen von Schilddrüsenstörungen ist nichts bekannt. Im Gegenteil: 10% aller Japaner (2007) haben beispielsweise eine Schilddrüsenfunktionsstörung6)Kasagi, Kanji; Takahashi, Norihiro; Inoue, Gen; Honda, Toyohiko; Kawachi, Yasunori; Izumi, Yoichiro (2009): Thyroid function in Japanese adults as assessed by a general health checkup system in relation with thyroid-related antibodies and other clinical parameters. In: Thyroid : official journal of the American Thyroid Association 19 (9), S. 937–944. DOI: 10.1089/thy.2009.0205., wohingegen in Deutschland 33% der erwachsenen Bevölkerung  (2004) eine Schilddrüsenabnormalität aufweisen7)Reiners C, Wegscheider K, Schicha H, et al.: Prevalence of thyroid disorders in the working population of Germany: ultrasonography screening in 96 278 unselected employees. Thyroid 2004; 14: 926–32..

Zu 3)

Verschiedene Studien und Meta-Analysen haben gezeigt, dass regelmäßiger Verzehr von Sojaprodukten oder die Zufuhr von Soja-Isoflavonen bei Erwachsenen keine schädlichen Auswirkungen auf die Schilddrüsenfunktion hat, wenn eine adäquate Jodzufuhr gewährleistet ist8)Messina, Mark; Redmond, Geoffrey (2006): Effects of soy protein and soybean isoflavones on thyroid function in healthy adults and hypothyroid patients: a review of the relevant literature. In: Thyroid : official journal of the American Thyroid Association 16 (3), S. 249–258. DOI: 10.1089/thy.2006.16.249.9)Ryan-Borchers T., Chew B., Park J. S., McGuire M., Fournier L., Beerman K. (2008). Effects of dietary and supplemental forms of isoflavones on thyroid function in healthy postmenopausal women. Top. Clin. Nutr. 23 13–2210)Bruce B., Messina M., Spiller G. A. (2003). Isoflavone supplements do not affect thyroid function in iodine-replete postmenopausal women. J. Med. Food 6 309–31611)Hampl R., Ostatnikova D., Celec P., Putz Z., Lapcík O., Matucha P. (2008). Short-term effect of soy consumption on thyroid hormone levels and correlation with phytoestrogen level in healthy subjects.Endocr. Regul. 42 53–6112)Duncan A. M., Underhill K. E., Xu X., Lavalleur J., Phipps W. R., Kurzer M. S. (1999). Modest hormonal effects of soy isoflavones in postmenopausal women. J. Clin. Endocrinol. Metab. 84 3479–3484 Erratum in: J. Clin. Endocrinol. Metab. (2000) 85, 448.. Selbst wenn man ein isoliertes Isoflavon aus der Sojabohne, Genistein, zuführt, und das über drei Jahre hinweg, hat dies keinen ungünstigen Einfluss auf die Schilddrüse13)Bitto A., Polito F., Atteritano M., Altavilla D., Mazzaferro S., Marini H., Adamo E. B., D’Anna R., Granese R., Corrado F., Russo S., Minutoli L., Squadrito F. (2010). Genistein aglycone does not affect thyroid function: results from a three-year, randomized, double-blind, placebo-controlled trial. J. Clin. Endocrinol. Metab. 95 3067–3072.

Auch Menschen, die bereits eine Schilddrüsenunterfunktion haben und Schilddrüsenhormone einnehmen müssen, müssen nicht unbedingt auf Soja verzichten. Sojaprodukte können zwar die Dosis an Hormonen erhöhen, die eingenommen werden müssen14)Messina, Mark; Redmond, Geoffrey (2006): Effects of soy protein and soybean isoflavones on thyroid function in healthy adults and hypothyroid patients: a review of the relevant literature. In: Thyroid : official journal of the American Thyroid Association 16 (3), S. 249–258. DOI: 10.1089/thy.2006.16.249., aber die Menge an Hormonen, die eingenommen werden muss, ist ohnehin sehr individuell und muss unter ärztlicher Behandlung genau abgestimmt werden. So spielen neben Soja eben auch andere Lebensmittel wie die oben genannten für den Hormonhaushalt eine Rolle. Wenn man Soja aus der Ernährung eliminiert, heißt dies nämlich nicht, dass man hormonell perfekt eingestellt ist.

Viele der „Belege“ für die schilddrüsenschädlichen Wirkungen von Soja bzw. Isoflavonen stammen aus frühen Tierexperimenten aus den 1930er Jahren, in denen Ratten mit einer sojabasierten, jodarmen Diät ernährt wurden und daraufhin Strumen ( = vergrößerte Schilddrüsen) und einen Hormonmangel entwickelten. Allerdings zeigte sich schon damals, dass die Zugabe von Jod zum Futter dies verhindern konnte. Des weiteren sah man in den 1950ern und 1960ern das Phänomen, dass Säuglinge, die mit Nahrung auf Sojabasis ohne Jodzusatz gefüttert wurden, ebenfalls eine Struma entwickelten. Auch dies konnte durch die Jodanreicherung behoben werden15)Ryan-Borchers T., Chew B., Park J. S., McGuire M., Fournier L., Beerman K. (2008). Effects of dietary and supplemental forms of isoflavones on thyroid function in healthy postmenopausal women. Top. Clin. Nutr. 23 13–22.

Meine Empfehlungen

Auch im Hinblick auf die Schilddrüsenfunktion muss niemand auf Sojaprodukte verzichten. In Abstimmung mit dem Brustkrebsrisiko gelten auch hier ca. 25 g Sojaeiweiß pro Tag (entsprechen etwa 200 g Tofu oder 400 ml Sojamilch) als sicher, wenn genügend Jod aufgenommen wird (etwa 200 Mikrogramm pro Tag, in der Schwangerschaft ist der Bedarf höher). Kann diese Aufnahme nicht gewährleistet werden, etwa weil kein Fisch oder keine Algen verzehrt werden, empfehle ich ein Nahrungsergänzungsmittel. Darüber hinaus sollte jeder regelmäßig seine Schilddrüsenwerte ärztlich kontrollieren lassen, und Schilddrüsenpatienten ihre Einnahmedosis kontinuierlich überprüfen. Auf diese Weise können Funktionsstörungen der Schilddrüse, ob nun durch Jodmangel oder durch Verzehr von zu vielen goitrogenen Lebensmitteln, schnell erkannt und behandelt werden.

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Alimonia

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Bild Nr.2: CC BY 2.0 by COM SALUD

Literatur   [ + ]

1. GREER, M. A. (1957): Goitrogenic substances in food. In: The American journal of clinical nutrition 5 (4), S. 440–444.
2. Gaitan, E.; Lindsay, R. H.; Reichert, R. D.; Ingbar, S. H.; Cooksey, R. C.; Legan, J. et al. (1989): Antithyroid and goitrogenic effects of millet: role of C-glycosylflavones. In: The Journal of clinical endocrinology and metabolism 68 (4), S. 707–714. DOI: 10.1210/jcem-68-4-707.
3. Chandra, Amar K.; Ghosh, Dishari; Mukhopadhyay, Sanjukta; Tripathy, Smritiratan (2004): Effect of bamboo shoot, Bambusa arundinacea (Retz.) Willd. on thyroid status under conditions of varying iodine intake in rats. In: Indian journal of experimental biology 42 (8), S. 781–786.
4. Hanschen, Franziska S.; Lamy, Evelyn; Schreiner, Monika; Rohn, Sascha (2014): Reactivity and stability of glucosinolates and their breakdown products in foods. In: Angewandte Chemie (International ed. in English) 53 (43), S. 11430–11450. DOI: 10.1002/anie.201402639.
5. https://ideas.repec.org/p/ags/umrfwp/14321.html; abgerufen am 08.02.2016
6. Kasagi, Kanji; Takahashi, Norihiro; Inoue, Gen; Honda, Toyohiko; Kawachi, Yasunori; Izumi, Yoichiro (2009): Thyroid function in Japanese adults as assessed by a general health checkup system in relation with thyroid-related antibodies and other clinical parameters. In: Thyroid : official journal of the American Thyroid Association 19 (9), S. 937–944. DOI: 10.1089/thy.2009.0205.
7. Reiners C, Wegscheider K, Schicha H, et al.: Prevalence of thyroid disorders in the working population of Germany: ultrasonography screening in 96 278 unselected employees. Thyroid 2004; 14: 926–32.
8, 14. Messina, Mark; Redmond, Geoffrey (2006): Effects of soy protein and soybean isoflavones on thyroid function in healthy adults and hypothyroid patients: a review of the relevant literature. In: Thyroid : official journal of the American Thyroid Association 16 (3), S. 249–258. DOI: 10.1089/thy.2006.16.249.
9, 15. Ryan-Borchers T., Chew B., Park J. S., McGuire M., Fournier L., Beerman K. (2008). Effects of dietary and supplemental forms of isoflavones on thyroid function in healthy postmenopausal women. Top. Clin. Nutr. 23 13–22
10. Bruce B., Messina M., Spiller G. A. (2003). Isoflavone supplements do not affect thyroid function in iodine-replete postmenopausal women. J. Med. Food 6 309–316
11. Hampl R., Ostatnikova D., Celec P., Putz Z., Lapcík O., Matucha P. (2008). Short-term effect of soy consumption on thyroid hormone levels and correlation with phytoestrogen level in healthy subjects.Endocr. Regul. 42 53–61
12. Duncan A. M., Underhill K. E., Xu X., Lavalleur J., Phipps W. R., Kurzer M. S. (1999). Modest hormonal effects of soy isoflavones in postmenopausal women. J. Clin. Endocrinol. Metab. 84 3479–3484 Erratum in: J. Clin. Endocrinol. Metab. (2000) 85, 448.
13. Bitto A., Polito F., Atteritano M., Altavilla D., Mazzaferro S., Marini H., Adamo E. B., D’Anna R., Granese R., Corrado F., Russo S., Minutoli L., Squadrito F. (2010). Genistein aglycone does not affect thyroid function: results from a three-year, randomized, double-blind, placebo-controlled trial. J. Clin. Endocrinol. Metab. 95 3067–3072