Vielleicht bist du in den letzten Tagen in den Medien vermehrt auf folgende Schlagzeilen gestoßen: „Veganerin soll Baby fast verhungern lassen haben“ (Berliner Zeitung), „Geschrumpftes Hirn durch veganes Essen“ (BILD) oder: „Eltern ernährten ihr Kind vegan – sie werden es ein Leben lang bereuen“ (Huffington Post).

Alle Artikel sind sich in einem Punkt einig: Die vegane Ernährung ist schädlich, wenn nicht sogar tödlich für Kinder. Wer sein(e) Kind(er) vegan ernähre, falle somit automatisch unter die Kategorie „Rabeneltern“. In Italien wurde sogar ein Gesetzesentwurf eingereicht, nach dem bis zu ein Jahr Gefängnis drohe, wenn Eltern ihre unter 16-jährigen Kinder zu veganer Diät zwingen, bis zu zwei Jahre, wenn die Kinder unter drei Jahre alt sind.

Was ist von der genannten Behauptung zu halten?

Zwei Gegenargumente:

1Man müsste nur einmal die Aufmerksamkeit auf folgenden Aspekt lenken: Wie viele Eltern gibt es, die ihre Kleinkinder omnivor (als „Alles-Esser“), aber vollkommen einseitig und demzufolge ungesund ernähren? Da wird morgens das Weißbrot mit Nutella als Pausenbrot geschmiert, mittags gibt es dann vielleicht Nudeln mit Fertigsauce, abends wieder Toast oder auch mal eine Tiefkühlpizza. Obst oder Gemüse ist bei vielen Fehlanzeige, der Flüssigkeitshaushalt wird einigermaßen mit gezuckerten Softdrinks sichergestellt. Dass diese Ernährungsweise nicht nur ein trauriges Klischee ist, zeigen die steigenden Raten von Diabetes und Adipositas bei Kindern. In diesen Fällen wird aber meist nicht von „Rabeneltern“ gesprochen, geschweige denn ein Verbot dieser Ernährungsweise gefordert. Diese Kinder landen noch nicht einmal in den Schlagzeilen; vermutlich, weil es längst keine Überraschung mehr ist, dass eine Ernährung, bei der Zucker und Fett im Übermaß vorhanden und Vitamine und Mineralstoffe Mangelware sind, Kinder krank macht. Es würde mich persönlich sehr interessieren, welcher Prozentsatz an Kindern unter dieser Ernährung einen Mangel an essentiellen Nährstoffen wie z.B. Vitaminen oder auch Omega-3-Fettsäuren aufweist. Letztere sind übrigens wichtig für die Hirnentwicklung. Somit besteht auch bei einseitig omnivor ernährten Kindern, nicht nur bei Veganern, die Gefahr, dass das „Hirn schrumpft“, wenn man es so reißerisch wie die BILD-Zeitung ausdrücken möchte.
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2Aus der Tatsache, dass es wenige (medienwirksam dargestellte) Personen gibt, die ihre Kinder vegan ernähren und dadurch Schaden anrichten, folgt nicht, dass eine vegane Ernährung per se schlecht ist. Die Personen haben das Kind einfach falsch vegan ernährt – genauso, wie man eben auch Kinder falsch omnivor ernähren kann, wie unter (1) gezeigt. „Falsch ernähren“ bedeutet in den von den Medien genannten Beispielen z.B., dem Kind nur Beeren und Nüsse zu essen zu geben, wie es jüngst eine Mutter tat. Dass diese Ernährung nichts (!) mit einer veganen Ernährung zu tun hat, sollte jedem klar sein. Nur weil diese beiden Lebensmittel vegan sind, also eine Teilmenge einer veganen Ernährung darstellen, kann man nicht sagen, dass die Mutter eine vegane Ernährungsweise verfolgt hat – auch dann nicht, wenn die Motivation der Mutter eine solche Ernährungsweise war. Analog würde man ja auch die Gleichsetzung zurückweisen, dass jemand, der seinem Kind ausschließlich Steak und Butterkäse zu essen gibt, eine omnivore Ernährung verfolgt. Und entsprechend würde man dann auch nicht der Schlussfolgerung zustimmen, dass Eltern, die ihre Kinder omnivor ernähren, Rabeneltern sind.
„Falsch ernähren“ bedeutet auch, wie in einem anderen Beispiel aus den Medien, dem Kind schlicht zu wenig Nahrung zu geben, sodass es seinen Energiebedarf nicht decken kann. Auch diese Gefahr ist aber sowohl bei einer omnivoren als auch bei einer veganen Ernährung gegeben.
Natürlich gibt es bei einer veganen (ebenso wie bei einer omnivoren!) Ernährungsweise bestimmte Dinge, die zu beachten sind. Auf diese möchte ich im Folgenden näher eingehen.
..Kid chef

Welche Dinge sind bei einer veganen Ernährung von Kindern zu beachten?

Drei Punkte sind generell bei der Ernährung von Kindern (und natürlich auch Erwachsenen) wichtig: Ausgewogenheit, d.h. Abwechslung und Zufuhr unterschiedlichster Lebensmittelgruppen (z.B. Getreideprodukte, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, …), Nährstoffe (z.B. Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) und Energiebedarf (nicht zu viel, nicht zu wenig).
Wohingegen bei einer ausgewogenen omnivoren Ernährung im Optimalfall nichts supplementiert (über Nahrungsergänzungsmittel zugeführt) werden muss, muss bei einer ausgewogenen veganen Ernährung nur Vitamin B12 ergänzt werden (einen Artikel zum Thema Nahrungsergänzungsmittel für Veganer siehe hier). Werden diese drei Punkte beachtet, kann man mit einer veganen Ernährung bei seinem Kind praktisch nichts falsch machen.
Falls du darüber nachdenkst, dein Kind vegan zu ernähren, dann achte u.a. auf folgende Dinge:
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Für Kleinkinder und ältere Kinder:

  • Gib deinem Kind komplexe Kohlenhydrate als Energielieferant. Wechsele ab zwischen Vollkornbrot, Müsli, Vollkornreis, Wildreis, Buchweizen, Hirse, Amaranth, Mais, Quinoa, Kartoffeln, Süßkartoffeln usw.
  • Wähle Hülsenfrüchte wie Bohnen, Kichererbsen, Tofu oder andere Sojaprodukte als Eiweißquelle.
  • Eine wichtige Quelle für gesunde Fette sind z.B. Nüsse, Avocados, Nussaufstriche oder extra natives Olivenöl, das zu Salaten oder gedünstetem Gemüse gegeben werden kann.
  • Variiere unterschiedlichste Gemüse- und Obstsorten. Um mehr Abwechslung hineinzubringen, kannst du sie in verschiedenen Formen präsentieren, z.B. als Suppe, als Smoothie, im Salat, im Auflauf, oder als Aufstrich.
  • Als wichtige Kalziumquellen gelten Feigen, grünes Gemüse (inbesondere Blattkohl oder Brokkoli), und angereicherte Pflanzendrinks. Eisen findet sich vor allem in Bohnen und Blattgemüsen sowie Linsen und Amaranth. Werden Vitamin-C-reiche Lebensmittel (z.B. Obst oder Paprika) dazu gegessen, so erhöht dies die Eisenaufnahme.

Für Säuglinge:

  • Achte darauf, dass du Sojamilch nicht als Muttermilchersatz verwendest. Das Beste für dein Kind ist während der ersten sechs Monate die Muttermilch. Bis mindestens zum 12. Lebensmonat sollte die Muttermilch weiterhin fester Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein, auch wenn das Kind vegan ernährt wird.

Allgemein:

  • Achte auf eine ausreichende Vitamin-B12-Versorgung, die du mittels eines Nahrungsergänzungsmittels oder über angereicherte Lebensmittel sicherstellen kannst.
  • Auch eine Vitamin-D-Supplementierung kann (für vegan oder omnivor ernährte Kinder) angezeigt sein, insbesondere im Winter, oder wenn das Kind zu selten dem Sonnenlicht ausgesetzt ist.
  • Lasse dein Kind regelmäßig vom Arzt untersuchen, um eventuelle Mangelerscheinungen schnell erkennen und ausgleichen zu können.

Hast du noch weitere Argumente, die für diese Diskussion wichtig sein könnten, oder Tipps für die vegane Kinderernährung? :) Dann lass‘ es mich gern in den Kommentaren wissen!

Alimonia