Nach etwas längerer Sommerpause melde ich mich nun zurück und starte mit einer neuen Serie, wie schon oben im Titel angekündigt. In dieser Serie wird es darum gehen, häufig gemachte Falschaussagen aus den Medien in Bezug auf Ernährungsthemen zu entlarven und richtigzustellen. Im ersten Teil dieser Serie werde ich einige grundlegende Dinge dazu sagen, wie es zu der Vermittlung von Unwahrheiten in den Medien kommen kann, und welchen Quellen man verlässlich vertrauen kann. Außerdem stelle ich ein kleines Beispiel für eine Falschinformation aus einer Gesundheitszeitschrift vor. Los geht’s!

Warum lügen die Medien?

Bei einer Lüge kann man zunächst einmal zwischen vorsätzlichen und nicht beabsichtigten Lügen unterscheiden. In der Realität kann man diesen Unterschied allerdings meist nicht wirklich erkennen. Stellt beispielsweise eine Zeitschrift geeignete Lebensmittel zum Abnehmen vor, so wird oft nur grob recherchiert, welche Eigenschaften die entsprechenden Nahrungsmittel aufweisen (z.B. „eiweißreich“), und die jeweiligen Produkt darauf in höchsten Tönen gelobt und angepriesen. Die Lüge, nämlich, dass diese Produkte beim Abnehmen helfen (da dies nie in Studien getestet wurde), basiert hier also, wie tatsächlich in den meisten Fällen, zum einen auf mangelnder Kenntnis der Fakten, zum anderen auf der Intention, möglichst viele Kunden durch einfache Tipps zum Thema Abnehmen anzusprechen. Dies ist die Strategie der meisten Frauen- und Sportzeitschriften, Fernsehmagazine und Internetseiten zum Thema Ernährung: Daten aus Studien werden auf einfachste Zusammenhänge heruntergebrochen, was die tatsächlichen Fakten sehr häufig verdreht. Durch die Vereinfachung werden komplizierte Aspekte oft einfach ausgeblendet, die aber wichtig wären, wenn man Empfehlungen in Bezug auf die Ernährung geben möchte. Oftmals wird Schwarzweiß-Malerei betrieben, weil diese Rasterung etwas ist, mit dem Menschen meist gut klar kommen: Fast Food ist schlecht, „Naturprodukte“ sind gut, Kohlenhydrate sind schlecht, Eiweiße sind gut. Dass einige „Naturprodukte“ oder ein zu hoher Eiweißkonsum durchaus schädigend für den menschlichen Körper sein können, wird dabei aber meist unterschlagen, weil die Medien dadurch solche Leser oder Zuschauer einbüßen könnten, die an einfachen Informationen interessiert sind, die in ihr Weltbild passen. Es ist also Vorsicht geboten, wenn man Empfehlungen aus den genannten Quellen folgen möchte.

Welchen Quellen kann man vertrauen?

In der Medizin werden so genannte Evidenzgrade oder -klassen unterschieden. Eine Empfehlung mit den höchsten Evidenzgraden der Klasse Ia oder Ib basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, für die es die bestmöglich lieferbaren Beweise gibt. Diese Stufe erfordert immer so genannte randomisiert-kontrollierte Interventionsstudien, d.h. Studien, in denen Probanden zufällig und ohne ihr Wissen einer Kontroll- oder einer Behandlungsgruppe zugeteilt werden, und beide Gruppen miteinander verglichen werden. Eine solche Studie könnte z.B. auf der Fragestellung beruhen, ob ein eiweißreicher Shake beim Abnehmen hilft. Hierzu würden die Probanden einen Shake bekommen, der bei der Behandlungsgruppe Eiweiß enthält, bei der Kontrollgruppe jedoch nicht, allerdings ohne dass die Probanden (und auch die  es wissen, welcher Gruppe sie zugeteilt wurden. Hält man alle Bedingungen (z.B. Kalorienaufnahme, Bewegung) bei den Probanden gleich, so unterscheiden sie sich lediglich in der Proteinaufnahme im Rahmen des Shakes. Sollte die Behandlungsgruppe nach einiger Zeit stärker abgenommen haben als die Kontrollgruppe, so kann mit hohem Evidenzgrad die Empfehlung für diesen Shake als unterstützendes Lebensmittel beim Abnehmen ausgesprochen werden – aber nur dann! Sollten beispielsweise Experten mit viel Erfahrung diesen Shake empfehlen, ohne vorher eine derartige Studie durchgeführt zu haben, so hätte deren Empfehlung lediglich den schwächsten Evidenzgrad der Stufe V, bei dem man nicht mehr wirklich von Wissenschaftlichkeit sprechen kann. Zu oft hat uns die Geschichte bewiesen, dass Experten oder Autoritäten komplett falsch liegen können (siehe hierzu meinen Beitrag zum „unvollständigen Protein“).
Wenn man also Empfehlungen in Bezug auf die eigene Ernährung sucht, so sollte man sich tatsächlich mit den konkreten Studien beschäftigen, oder auch Leute zu Rate ziehen, die ebendieses tun. ;) Ein Hinweis für die Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit vereinfachter Informationen ist beispielsweise das Zitieren von wissenschaftlichen Studien, was in den genannten Medien fast nie getan wird.

Ein Beispiel

Aus dem Reformhauskurier, Mai 2015, S. 44:

Mit Honig abnehmen. Ausgerechnet mit einem Süßungsmittel Gewicht verlieren? Warum das funktionieren kann, hat der englische Honig-Experte und Wissenschaftler Mike McInnes entdeckt. Honig erhöht nämlich nicht den Blutzuckerspiegel, der für Heißhunger zuständig ist und den Jo-Jo-Effekt bei Diäten fördert. [Beleg fehlt!](Diabetiker sollten natürlich ihren Blutzuckerspiegel im Blick behalten.) Honig wird in der Leber eingelagert, die daraus Glucose bildet, den Energielieferanten für die Hirnzellen. Die Lust auf Zucker entsteht im Gehirn. Honig statt Zucker befriedigt die Bedürfnisse dauerhaft ohne negativen Effekt [Beleg fehlt!] [Markierungen hinzugefügt].

Bei diesem Beispiel habe ich orange markiert, was eindeutig falsch ist. Dass Honig weniger stark den Blutzuckerspiegel erhöht als beispielsweise Haushaltszucker, konnte in Studien tatsächlich gezeigt werden. 1)Majid, Muhammad; Younis, M. Azeem; Naveed, Abdul Khaliq; Shah, Muhammad Usman; Azeem, Zahid; Tirmizi, Syed Haider (2013): Effects of natural honey on blood glucose and lipid profile in young healthy Pakistani males. In: Journal of Ayub Medical College, Abbottabad : JAMC 25 (3-4), S. 44–47.2)Nazir, Lubna; Samad, Faiza; Haroon, Wahid; Kidwai, Saera Sohail; Siddiqi, Shaista; Zehravi, Mahrukh (2014): Comparison of glycaemic response to honey and glucose in type 2 diabetes. In: JPMA. The Journal of the Pakistan Medical Association 64 (1), S. 69–71. Hier fehlt aber der Beleg für diese Aussage. Falsch ist allerdings, dass ein erhöhter Blutzuckerspiegel für den Heißhunger zuständig ist. Eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels erfolgt nach Nahrungsaufnahme und ist somit mit einem Sättigungsgefühl assoziiert. Eindeutig falsch ist auch, dass Honig in der Leber eingelagert wird. Honig ist ein Nahrungsmittel aus vielen verschiedenen Substanzen, unter anderem Trauben- und Fruchtzucker (also Glucose und Fructose), dazu noch Pollen, Mineralstoffen, Aminosäuren usw. 3)Waldemar Ternes, Alfred Täufel, Lieselotte Tunger, Martin Zobel (Hrsg.)(2005): Lebensmittel-Lexikon. 4., umfassend überarbeitete Auflage. Behr, Hamburg. In dieser Form wird er nicht in der Leber eingelagert, denn wie jedes Lebensmittel wird er im Verdauungstrakt in seine Bestandteile aufgespalten. Glucose wird dann allerdings in Form von Glykogen, und Fructose in Form von Fett in die Leber und andere Organe eingelagert. Glucose ist natürlicherweise im Honig vorhanden und muss nicht erst von der Leber gebildet werden. Dass der Ersatz von Zucker durch Honig dauerhaft und eingeschränkt zu empfehlen ist, kann auf der derzeitigen Datenlage nicht sicher bestätigt werden. Honig ist ein sehr fructosereiches Lebensmittel, und Fructose wird derzeit im Zusammenhang mit der weltweit wachsenden Rate an Fettleibigkeit erforscht, da man dem Fructosekonsum eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Adipositas zuschreibt. 4)Stanhope, Kimber L.; Schwarz, Jean Marc; Keim, Nancy L.; Griffen, Steven C.; Bremer, Andrew A.; Graham, James L. et al. (2009): Consuming fructose-sweetened, not glucose-sweetened, beverages increases visceral adiposity and lipids and decreases insulin sensitivity in overweight/obese humans. In: The Journal of clinical investigation 119 (5), S. 1322–1334. DOI: 10.1172/JCI37385. (Hierzu wird in den nächsten Wochen ein längerer Blogeintrag von mir erscheinen!) So eine schwarz-weiß Aussage, wie sie der Reformhauskurier hier trifft, der ja eigentlich Gesundheitsinformationen bereitstellen soll, ist daher gefährlich. Der Artikel, aus dem das Zitat stammt, ist vollkommen darauf ausgerichtet, das Produkt „Honig“ aus dem Reformhaus möglichst effektiv zu bewerben. Negative Aspekte werden somit ausgeklammert.

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Ich hoffe, dieser Beitrag konnte euch ein wenig die Augen in Bezug auf die Falsch- und Werbeaussagen in den Medien öffnen. In den nächsten Folgen dieser Serie werde ich dann nach und nach die eindrücklichsten Lügen oder Falschaussagen „entlarven“, die heutzutage noch immer in den Medien kursieren. Falls ihr welche entdeckt, schreibt sie mir gern in die Kommentare!

Alimonia

Literatur   [ + ]

1. Majid, Muhammad; Younis, M. Azeem; Naveed, Abdul Khaliq; Shah, Muhammad Usman; Azeem, Zahid; Tirmizi, Syed Haider (2013): Effects of natural honey on blood glucose and lipid profile in young healthy Pakistani males. In: Journal of Ayub Medical College, Abbottabad : JAMC 25 (3-4), S. 44–47.
2. Nazir, Lubna; Samad, Faiza; Haroon, Wahid; Kidwai, Saera Sohail; Siddiqi, Shaista; Zehravi, Mahrukh (2014): Comparison of glycaemic response to honey and glucose in type 2 diabetes. In: JPMA. The Journal of the Pakistan Medical Association 64 (1), S. 69–71.
3. Waldemar Ternes, Alfred Täufel, Lieselotte Tunger, Martin Zobel (Hrsg.)(2005): Lebensmittel-Lexikon. 4., umfassend überarbeitete Auflage. Behr, Hamburg.
4. Stanhope, Kimber L.; Schwarz, Jean Marc; Keim, Nancy L.; Griffen, Steven C.; Bremer, Andrew A.; Graham, James L. et al. (2009): Consuming fructose-sweetened, not glucose-sweetened, beverages increases visceral adiposity and lipids and decreases insulin sensitivity in overweight/obese humans. In: The Journal of clinical investigation 119 (5), S. 1322–1334. DOI: 10.1172/JCI37385.