Die Vitamin-B12-Verwirrung

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Die Vitamin-B12-Verwirrung

Vitamin B12 ist heute fast jedem ein Begriff. Veganer müssen dieses Vitamin über Nahrungsergänzungsmittel zuführen, denn es ist nur in tierischen Produkten enthalten (siehe meinen Beitrag dazu hier). Aber auch Nicht-Veganer können zu wenig Vitamin-B12 aufnehmen, sei es aus Ernährungs- oder sonstigen gesundheitlichen Gründen. Man schätzt, dass ca. 6% der Personen unter 60 Jahren und 20 % der Personen über 60 Jahren einen Vitamin-B12-Mangel haben1)A Hunt, D Harrington, S Robinson: Vitamin B12 deficiency. In: BMJ (Clinical research ed.). 349, 4. September 2014. doi:10.1136/bmj.g5226.

Ob dies der Fall ist, kann sehr leicht beim Arzt durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden2)H Herrmann, R Obeid: Dtsch Arztebl 2008; 105(40): 680-5; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0680: Bei einem Mangel sind das Gesamt-B12 (> 156 pmol/L) und das so genannte Holo-Transcobalamin (Holo-TC, > 35 pmol/L) erniedrigt. Bei Verdacht auf einen B12-Mangel sollte unbedingt das Holo-TC mitbestimmt werden, da das Gesamt-B12 noch über dem Normwert liegen könnte, obwohl in den Zellen schon ein Vitamin-B12-Mangel besteht3)Herrmann W, Schorr H, Obeid R, Geisel J: Vitamin B12 status, particularly holotranscobalamin II and methylmalonic acid concentrations, and hyperhomocysteinemia in vegetarians. Am J Clin Nutr 2003; 78: 131–6..

Die Aufgaben von Vitamin B12

Vitamin-B12 wird an ganz unterschiedlichen Stellen im Körper gebraucht:

  1. Die Bildung von DNA, unserer Erbinformation, die in jeder Zelle enthalten ist
  2. Die Bildung und Erhaltung der Isolationsschicht unserer Nerven. Nur durch diese Isolationsschicht ist die Übertragung von Nervensignalen (Bewegung, Berührungsempfinden) überhaupt möglich.
  3. Die Bildung von Botenstoffen im Nervensystem, z.B. von Serotonin und Dopamin. B12 ist damit notwendig für unsere Stimmung, Motivation, Schlaf, Lernen und weitere Funktionen des Gehirns.
  4. Den Abbau von Cholesterin, bestimmten Fettsäuren und Eiweißbausteinen (u.a. BCAAs).
  5. Die Bildung von roten Blutkörperchen, die wir für den Sauerstofftransport zu allen Organen benötigen4)H Herrmann, R Obeid: Dtsch Arztebl 2008; 105(40): 680-5; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0680.

Wenn Vitamin B12 fehlt, kommt es also an vielen Stellen im Körper zu Problemen. Häufig fällt ein Mangel in einer Routine-Blutuntersuchung nur durch den Punkt 5 auf, nämlich wenn eine Blutarmut besteht. Dies bemerkt man auch körperlich durch eine geringere Belastbarkeit, Müdigkeit, schnellerer Atmung und Herzklopfen sowie Blässe. Es kann jedoch auch ein B12-Mangel vorliegen, ohne dass das Blut betroffen ist. Ist das Nervensystem betroffen, kann es zu Kribbeln und Taubheit in den Gliedmaßen kommen, die bis zu einer vollständigen Lähmung reichen kann (sog. funikuläre Myelose). Des weiteren sind Stimmungsschwankungen, Depressionen, Reizbarkeit, Gedächtnisverlust, Verwirrtheit oder sogar Demenz beschrieben5)Sethi NK, Robilotti E, Sadan Y: Neurological Manifestations Of Vitamin B-12 Deficiency. In: The Internet Journal of Nutrition and Wellness. 2, Nr. 1, 2005.doi:10.5580/5a9.

Die Auswirkungen eines Mangels sind also drastisch – aber so gravierend sie sind, ein Vitamin-B12-Mangel kann sehr leicht behoben bzw. verhindert werden. Vitamin-B12-Präparate gibt es wie Sand am Meer, da dieses Thema glücklicherweise sehr bekannt ist.

Lange Zeit wurde ein Vitamin-B12-Mangel mit einem bestimmten Präparat behoben bzw. verhindert: Cyanocobalamin. Diese Form des Vitamins ist in den meisten Nahrungsergänzungsmitteln oder auch Lebensmitteln, denen Vitamin B12 zugesetzt wurde, enthalten.

Das postulierte „Problem“ mit dieser Form des Vitamins: Cyanocobalamin ist eine biologisch inaktive Form von B12, die vom Körper in die aktive Form umgewandelt wird, indem ein Cyanid-Rest abgespalten wird. Cyanid bzw. Blausäure ist eine extrem giftige Substanz, die in einer Dosierung von 1-2 mg pro Kilogramm Körpergewicht tödlich ist. Aufgrund dieser Tatsache gab es eine große Bewegung, die darin mündete, dass aktuell auf verschiedenen Internetseiten vom Cyanocobalamin zur Vorbeugung eines B12-Mangels abgeraten wird. Wieso sollte man so etwas Giftiges zu sich nehmen?! Stattdessen wird auf diesen Internetseiten eine andere Form des Vitamins beworben: sogenanntes Methylcobalamin. Auch viele Hersteller sahen ihre Chance und priesen ihr Methylcobalamin an. Methylcobalamin ist bereits eine aktive Form des B12, die kein Cyanid enthält. Viele Menschen, insbesondere Veganer, sind daher auf Methylcobalamin umgestiegen.

Welches Vitamin-B12-Präparat soll man nehmen?

Vitamin B12 wird im Körper in zwei unabhängigen Formen gebraucht, um unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen6)Banerjee, R; Ragsdale, SW. „The many faces of vitamin B12: catalysis by cobalamin-dependent enzymes“. Annual Review of Biochemistry 2003 72: 209–47. doi:10.1146/annurev.biochem.72.121801.161828.

Methylcobalamin (MC) ist u.a. für die Punkte 1, 2, 3 und 5 zuständig (siehe oben). 

Desoxyadenosylcobalamin (DC) ist für die Punkte Nummer 2 und 4 zuständig. 

Zuweilen stößt man auf die Information, dass DC nur aus Cyanocobalamin und Hydroxocobalamin gebildet werden könne, was bei einem Methylcobalamin-Supplement zu einem Mangel an DC führen würde. Dies ist jedoch falsch.

!Dem Körper ist es vollkommen egal, ob er Cyano-, Hydroxo-, Methyl-, Adenosyl- oder sonst ein Cobalamin von außen bekommt. In der Zelle findet eine Abspaltung von den Substanzen statt, die das Cobalamin zu Cyanocobalamin, Hydroxocobalamin usw. machen – es bleibt reines Cobalamin übrig, das dann entweder zu MC oder DC umgewandelt wird, je nachdem, was die Zelle gerade benötigt7)Begley, James A.; Colligan, Pamela D.; Chu, Richard C.; Hall, Charles A. (1993): Cobalamin metabolism in cultured human chorionic villus cells. In: J. Cell. Physiol. 156 (1), S. 43–47. DOI: 10.1002/jcp.1041560107.8)Kolhouse, J. F.; Utley, C.; Stabler, S. P.; Allen, R. H. (1991): Mechanism of conversion of human apo- to holomethionine synthase by various forms of cobalamin. In: The Journal of biological chemistry 266 (34), S. 23010–23015.9)Chu, R. C.; Begley, J. A.; Colligan, P. D.; Hall, C. A. (1993): The methylcobalamin metabolism of cultured human fibroblasts. In: Metabolism: clinical and experimental 42 (3), S. 315–319.. Es gibt zwar Unterschiede der verschiedenen Cobalamine, z.B. in Bezug auf ihre Halbwertszeit im Blut oder in Bezug auf ihre Aufnahmemöglichkeit. So wird bezüglich Cyanocobalamin häufig eine verringerte Depotwirkung bemängelt, die dazu führt, dass aufgenommenes B12 relativ schnell wieder ausgeschieden wird10)Pietrzik, K., Golly, I. & Loew, D. (2007). Handbuch Vitamine. München: Urban & Fischer. (S. 128-133). Cyanocobalamin ist aber zur Therapie und Vorbeugung eines B12-Mangels durch Studien und Praxis eindeutig etabliert11)Kuzminski AM, Del Giacco EJ, Allen RH, Stabler SP, Lindenbaum J: Effective treatment of cobalamin deficiency with oral cobalamin. Blood 1998; 92: 1191–8..

!Letztendlich zählt also die Aussage des Labors: Wenn im Blut- bzw. Urintest die Werte Holo-Transcobalamin, Homocystein und Methylmalonsäure (MMA) im Normbereich liegen, nimmt man das geeignete Nahrungsergänzungsmittel!

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Was ist mit dem „giftigen“ Cyanid im Cyanocobalamin? 

1-2 mg pro Kilogramm Körpergewicht Blausäure sind tödlich. Das bedeutet für einen 70 kg schweren Mann eine Dosis von ca. 70 mg. Laut EFSA, der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, liegt die durchschnittliche tägliche Aufnahmemenge bei 95 μg pro Person, das sind 0,095 mg12)EFSA: Opinion of the Scientific Panel on Food Additives, Flavourings, Processing Aids and Materials in Contact with Food (AFC) on hydrocyanic acid in flavourings and other food ingredients with flavouring properties. 2004 DOI: 10.2903/j.efsa.2004.105. Man kann pro Tag 50 μg pro Kilogramm Körpergewicht an Cyanid aufnehmen, ohne gesundheitliche Schäden zu erwarten13)Dzombak, D. A., Ghosh, R. S. & Wong-Chong, G. M. Cyanide in water and soil – chemistry, risk, and management. Boca Raton: CRC Press 200614)Shaw, I. C. Food safety – the science of keeping food safe. Oxford: Wiley-Blackwell 2013 – was für den 70 kg schweren Menschen 3500 μg am Tag bedeuten würde! Durch eine Bittermandel, die man ab und zu beim Knabbern von europäischen Mandeln erwischt, nimmt man bereits ca. 1000 μg Blausäure auf.  1000 μg Cyanocobalamin liefern nur 19,2 μg Blausäure – die Menge, die man durch die Nahrungsergänzung aufnimmt, ist also verschwindend gering. Die anfallende Blausäure kann vom Körper durch das Enzym Rhodanase einfach abgebaut werden.

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Habt ihr noch Fragen zum Thema Vitamin B12? Schreibt sie mir gern in die Kommentare! :)

Alimonia

Literatur   [ + ]

1. A Hunt, D Harrington, S Robinson: Vitamin B12 deficiency. In: BMJ (Clinical research ed.). 349, 4. September 2014. doi:10.1136/bmj.g5226
2, 4. H Herrmann, R Obeid: Dtsch Arztebl 2008; 105(40): 680-5; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0680
3. Herrmann W, Schorr H, Obeid R, Geisel J: Vitamin B12 status, particularly holotranscobalamin II and methylmalonic acid concentrations, and hyperhomocysteinemia in vegetarians. Am J Clin Nutr 2003; 78: 131–6.
5. Sethi NK, Robilotti E, Sadan Y: Neurological Manifestations Of Vitamin B-12 Deficiency. In: The Internet Journal of Nutrition and Wellness. 2, Nr. 1, 2005.doi:10.5580/5a9
6. Banerjee, R; Ragsdale, SW. „The many faces of vitamin B12: catalysis by cobalamin-dependent enzymes“. Annual Review of Biochemistry 2003 72: 209–47. doi:10.1146/annurev.biochem.72.121801.161828
7. Begley, James A.; Colligan, Pamela D.; Chu, Richard C.; Hall, Charles A. (1993): Cobalamin metabolism in cultured human chorionic villus cells. In: J. Cell. Physiol. 156 (1), S. 43–47. DOI: 10.1002/jcp.1041560107.
8. Kolhouse, J. F.; Utley, C.; Stabler, S. P.; Allen, R. H. (1991): Mechanism of conversion of human apo- to holomethionine synthase by various forms of cobalamin. In: The Journal of biological chemistry 266 (34), S. 23010–23015.
9. Chu, R. C.; Begley, J. A.; Colligan, P. D.; Hall, C. A. (1993): The methylcobalamin metabolism of cultured human fibroblasts. In: Metabolism: clinical and experimental 42 (3), S. 315–319.
10. Pietrzik, K., Golly, I. & Loew, D. (2007). Handbuch Vitamine. München: Urban & Fischer. (S. 128-133
11. Kuzminski AM, Del Giacco EJ, Allen RH, Stabler SP, Lindenbaum J: Effective treatment of cobalamin deficiency with oral cobalamin. Blood 1998; 92: 1191–8.
12. EFSA: Opinion of the Scientific Panel on Food Additives, Flavourings, Processing Aids and Materials in Contact with Food (AFC) on hydrocyanic acid in flavourings and other food ingredients with flavouring properties. 2004 DOI: 10.2903/j.efsa.2004.105
13. Dzombak, D. A., Ghosh, R. S. & Wong-Chong, G. M. Cyanide in water and soil – chemistry, risk, and management. Boca Raton: CRC Press 2006
14. Shaw, I. C. Food safety – the science of keeping food safe. Oxford: Wiley-Blackwell 2013
2017-09-06T18:20:36+00:00 24 April 2016|Ernährungstrends, Ernährungswissenschaft|1 Comment

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One Comment

  1. Nika 24. April 2016 at 14:06 - Reply

    Hallo, wie sieht es mit der bekannten Quecke als Vitamin B12 Quelle aus. Es ist ja nun bekann das es auch analoges Vitamin B12 gibt (zb Hefeflocken, Brottrunk und Algen etc.) Das in der Quecke enthaltende Vitamin B12 soll aber aktives sein. Ich konnte nicht herausfinden welches aber genau. Seit dem dies aber durch die Vegan Zeitschrift bekannt geworden ist, wird es ja sehr empfohlen. Weisst du welche Form dort enthalten ist und kannst du mir kurz analoge und aktive Form erklären. Ich weiss nur das die analoge Form nicht wirksam ist aber die Rezeptoren besetzt und wirksames dann nicht andocken kann. Ist das so korrekt?
    Meine zweite Frage ist, ob es unbedenklich ist die beiden Formen die du oben beschrieben hast, also Cyanocobalamin und Methylcobalamin sein leben lang abwechselnd zu nehmen. Ist das für den Körper auf dauer „chemisch“ oder verträgt er dies genau so gut, wenn nicht sogar besser als aus tierischer Form. Danke dafür

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